Archiv für Juni 2011

Prediger im Dienste

Es gibt Tage an denen ich wirklich drauf und dran bin zu verzweifeln und das Handtuch vor die Füße Gottes, des großen und imaginären Helfers derjenigen unter uns Lämmchen, die jeden Anstand zu verlieren drohen zu werfen. Gestern war einer dieser Tage an denen mich verfolgt, was ich über meine kultivierte Paranoia nicht abschütteln kann.

Gott und seine Wanderprediger.

Mein Ziel war ein Geschäft, das habe ich auch bekommen, nur der Wortsinn war ein wenig verdreht. Aber von vorne.

Es war an einem sonnigen Gestern. Die Luft war ansehnlich von Stickstoff geschwängert und eine Smogglocke hing vom Himmel herab, wie die verkohlte Lunge eines ketten rauchenden Gottes. Ich ahnte schon das heute ein besonders erhellender Tag werden würde und da sah ich ihn. Strahlend wie ein Leben nach dem Fallout, erblühte diese Erscheinung vor dem Werbeplakat des Ladens der nach allerlei Eskapaden und dreisten Lohnschwänzungen, nun einen Mindestlohn von 10 Euro fordert und jetzt deswegen demnächst unbedingt geschlossen die LINKE wählen wird müssen.

Das breite Lächeln legte der Sonne Farbe gleiche Zähne frei, die von Liberalen unserer Zeit als sehr individuelle Freiheit interpretiert, von mir jedoch nur als mangelnde Kohle für die Zuzahlung eingeordnet werden könnten. Ob dies der Fall ist, auf die eine oder andere Art, sei jetzt mal dahingestellt. Denn wenn ich das richtig verstanden habe, wird sogar das Betteln um Almosen noch auf den Regelsatz sanktioniert.

Die goldfarbene Dose mit einem nicht zu klein geratenen Einwurfschlitz, reckte er mir entgegen mit den Worten: Hast du vielleicht einen Cent? Oh ja. Ich hätte gewarnt sein müssen, hätte ich doch nur die Gravur zweier Engel sofort erkannt, die ihre Flugbahn auf diese Tasse verlegt hatten. Statt im Himmel zu sein und da zu tun, was auch immer Engel tun würden. Nachdem ich ihm also etwas von dem geben wollte, was die Gesellschaft gerade noch vertreten kann, mir selbst zum überleben zu geben, hörte ich die zischenden Worte eines ergebenen Dieners von: „ihr wisst schon wem“.

Satan läge in Ketten und würde die Welt bedrohen. Soweit klar, ich kann also tatsächlich nicht der Antichrist sein. Und er würde nur auf den Tag warten, an dem er sich über die Erde erheben kann um sein Werk zu verrichten. Diese Worte kamen so eindringlich herüber, das ich ihm abnahm, dass er wirklich glaubte, was er da sagte. Hätte er noch ein wenig mehr seiner Horror-Fiktionen ausgelebt, wäre ich schnell in den Laden gelaufen, um mir noch schnell was zum schreiben zu holen. Doch stattdessen lenkte er sein von Thesen geschwängertes Verbalfeuer auf meine Person.

Leute „wie ich“, Schäfchen in Gottes Herde, würden dafür sorgen das ER keine Macht hätte über die Menschen und er würde bei mir einen Heiligenschein sehen. Ich fühlte mich ertappt. Wir alle lügen doch mal, oder nicht? Und besonders Spaß macht es, wenn man damit Leute auflaufen lassen kann, die Unwahrheiten über einen selbst verbreiten. Das nenne ich göttlichen Spaß. Doch so meinte er das gar nicht. Er führte weiter aus. Ich würde in den Himmel kommen. Ufff…

Das geht gar nicht. Ich komme nicht in den Himmel. Das habe ich ihm auch gesagt. Doch dann schoss er mich mit einer Litanei von mit tiefem Glauben geweihter Worte nieder. Der Pabst sagte er, der ist in Berlin und die Merkel die ist auch in Berlin und ich bin oben im Kirchturm und sehe auf die Menschen hernieder. Doch was interessiert mich, was die in Berlin treiben? Ich bin bei euch allen. Und wenn der Atom ausläuft und so weiter.. Ich kann es ehrlich gesagt nicht mal mehr so genau wiedergeben.

Ich gab ihm die Hand und wünschte ihm alles Gute. Das ich aber für Geld in „seinen Himmel“ kommen könnte, das hätte mir nun echt Angst machen können. Denn war es nicht so, das diejenigen die ihre Seele verkauften, in die Hölle kamen? Ich habe ihm, der mich angrinste, zehn Cent gegeben, nicht „Gott“ und nicht seinem „Diener“. Nur um das hier an dieser Stelle hoch offziell noch einmal klar zu stellen.

Es bleibt für mich die Frage:
Ist also der Himmel die Hölle? Oder leben wir schon in der Hölle und bomben uns in den Himmel, der unter der Hölle ist? Dann sind „wir“ ja auf einem besonders guten Weg. Ich bleibe dabei, der Mensch solllte niemandem dienen, nur um sein Gewissen abwerfen zu können. Es gibt so viele, viel zu viele Leute, die anderen enorm schaden, danach in die Kirche gehen und meinen alles wäre wieder gut. Doch nichts, gar nichts, ist gut. Ein Mensch ermordert den anderen. Das war keine göttliche Eingebung, wenn ein Projektil ein G3 verlässt und in ein Weichziel eindringt. Egal wo auf der Welt es stattfand.

Man habe ich schon wieder eine Laune. Aber Danke, das es „ihn“ nicht gibt, sonst würde ich glauben das „Killerspiele“ gefährlich sind, weil sie so echt aussehen. Ich würde glauben, das es gerecht ist wenn sehr wenige die Verteilungsfrage unter sich auskungeln. Ich würde glauben, das es richtig ist Krieg zu führen, im Namen der Freiheit, die Schätze zu erbeuten. Ich würde das Lügengerüst so hoch türmen das es den Berg Sinai überstiege. Und wenn mich dabei einer erwischt würde ich sagen, das hat „er“ mir doch befohlen.

Und doch bleibt der Eindruck eines netten Menschen, der mir seine Geschichte erzählte. Er opfert sich auf für seine Idee und trotzt der Armut auf seine Weise. Doch Wege in den Himmel sind immer mit der Frage verbunden: Wer geht überhaupt mit? Denn es ist eine politische Frage. Das hat auch er nicht bezweifelt, oder?